Udo Lindenberg: „Früher war ich immer in der Kneipe. Jetzt kann ich da selber hinfahren.“

Udo Lindenberg: „Früher war ich immer in der Kneipe. Jetzt kann ich da selber hinfahren.“

Udo Lindenberg raucht zwar immer noch seine Zigarre, doch seit etlichen Jahren läuft der Musiker täglich. Foto: Dagmar Wienke

Interview mit Udo Lindenberg

Erschienen in RUNNING 05 – September/Oktober 05-2014

Udo Lindenberg ist wieder da. Insgesamt kamen 180.000 Menschen um die 68-jährige Poplegende auf seiner Stadiontour im Juni zu erleben. Drei Stunden jeweils stand der Altrocker bei vier Konzerten auf der Bühne. Eine Leistung, die mindestens einem Marathon gleich kommt. Möglich ist das nur, weil Udo Lindenberg sich rechtzeitig die richtige Frage gestellt hat. Jetzt treibt er täglich Sport und das Bier ist alkoholfrei.

Es ist stickig und warm. Ein Klumpen Menschen drängelt sich vor einer schmalen Tür tief in den Katakomben des Düsseldorfer Luxushotels „Breidenbacher Hof“. Schweiß vom Nebenmann tropft auf irgendeinen anderen Arm. „Ich mach mein Ding“, dudelt durch die Gänge. Ein paar Atome Zigarrenrauch finden ihren Weg durch die zusammengeschwitze Horde: Und tatsächlich, Udo Lindenberg steht mit Hut, Sonnenbrille und Zigarre in der engen Umkleidekabine und streift sich eine Pagenjacke über. Das Geschubse um das beste Foto macht einen Meter vor Udo Lindenberg an einem unsichtbaren Schutzschild halt. Udo steht im Mittelpunkt eines Journalisten-Hurricanes, er ist das Auge um das sich alles dreht. Udo Lindenberg hat vier Tage vor seiner allerersten Stadion-Tour zu einem Rundgang in dieses Hotel eingeladen.

Mit 16 Jahren, am 1. April 1962, begann Lindenberg dort seine Lehre, um später auf Kreuzfahrtschiffen anzuheuern, so sein Plan. Er taucht während dieser Zeit in die Jazz-Musikszene ein. „Isch hab’ imma noch dieses Heimatjefühl, wenn isch hier bin“, Lindenberg fällt in den rheinischen Singsang als er das sagt. Nach einem Jahr ist seine Karriere als Kellner vorbei. Er ließ sich kündigen um sich nur noch der Musik zu widmen. „Ich konnte ja selber nicht kündigen, dann habe ich mal was fallen lassen und so“, Udo ist wie ein Aufziehmännchen mit einer Endlosschraube, als er zu erzählen anfängt. Das Klickklickklick der Fotoapparate ist die Hintergrundmusik dazu. „Udo, trink noch mal an der Eierlikörflasche. Udo, zieh noch mal an der Zigarre“, die Fotografen haben ihren genauen Vorstellungen wie sie Udo auf dem Foto haben wollen.

Bereitwillig gibt Udo ihnen, was sie verlangen. Drei Stunden später ist der Pressetermin mit etlichen Einzelinterviews und einem exklusiven Fototermin – Udo, der Langschläfer, soll sich auf dem Bett räkeln – vorbei. Die Journalisten eilen aus dem kunterbunten Schleuderprogramm zurück an ihre Schreibtische um über Udos „Wunderland“, „Trallafitti-Deutsch“ und dem „crazy Märchen“ zu schreiben, während Udo danach zu den Proben fährt, wahrscheinlich nachts noch laufen wird und um halb vier morgens – es kann auch halb sechs werden – Emails zu beantworten.

Dass Udo Lindenberg mittlerweile die Figur eines Langstreckenläufers hat – er wiegt 68 Kilogramm – wird erst bemerkt, als wir ihn bei der Pressekonferenz darauf ansprechen. Das ist allen Zeitungen eine Zeile wert. „Und ich mach mein Ding, egal was die anderen sagen“, tönt es noch tagelang im Ohr.

Running: Du hast mittlerweile die Figur eines kenianischen Langstreckenläufers. Seit wann treibst Du Sport und was gab den Impuls dazu?

Udo Lindenberg: Ich hatte ja mal so eine Krise in meinen Fuffziger Jahren, da war ich riesenfett und ein Rockn'roll Mops, so richtig aufgepumpt, 93 Kilo wog ich. Dann habe ich mit 50 gedacht: so, jetzt musst Du irgendwie den Switch kriegen. Ich habe mich gefragt: Bist Du ein Sänger, der mit 60 oder mit 70 als ordentlicher Rock-Chansonier auf die Bühne geht? und da habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss! Ich habe Bock auf die Bühne zu gehen. Ich will aber nicht die Sachen von früher singen, ich hatte Lust mich neu zu erfinden. Zu der Zeit habe ich dann auch angefangen mit Schwimmen, rudern und joggen, Ernährung und so. Kein Alk mehr, sondern andere Wirkstoffe. Es gibt ja fernöstliche Kräuterwissenschaften. Früher war ich immer in der Kneipe, immer breit. Jetzt kann ich da selber hinfahren. Es ist schöner im realen Leben, als nur in der Fantasy und mit Notärzten. Jetzt bin ich schmal und fühl mich gut. Wir haben für die Konzerte eine sehr große Bühne, die geht 500 m raus. Die ganze Bühne rennen wir lang, da brauchst Du Kondition.

Running: Haben Sie einen Ernährungsberater?

Lindenberg: Spinat, Spiegelei, wenig Kohlehydrate, kein Zucker, so wie Bill Clinton das auch macht.

Running: Haben Sie einen Trainer oder machen Sie Sport nach Lust und Laune?

Lindenberg: Mit einem Trainer müsste ich mich an Zeiten halten, nein ich habe keinen Plan. Wenn ich Lust habe, dann renne ich los. Ich habe meine Freunde vom Panikorchester, mit denen laufe ich und mit meinen Bodyguards, die laufen auch mit.

Running: Sie sind seit drei Tagen in Düsseldorf. Waren sie hier auch schon mal laufen?

Lindenberg: Im Schutze der Dunkelheit rennt eine mysteriöse Gestalt mit windschneidende Mütze hier am Rhein lang, durch den Medienhafen, oder Derendorf, wo ich auch mal gewohnt habe. Ich war auch schon in Oberkassel am Luegplatz und in der Cheruskerstraße. Eine Stunde waren wir da unterwegs. Dabei höre ich den Robert Schumann, Gedichte von Heinrich Heine, Clara (Schumann) wie sie Klavier spielt und Brahms. Ja – das ist ganz schön.

Running: Sind Ihnen schon Ideen gekommen für Songs beim Laufen?

Lindenberg: Ich habe da eine Klavierfantasie entdeckt von Robert Schumann und da habe ich eine Textidee zu bekommen. Ich hätte auch ganz gerne so als opener-Musik die rheinische Sinfonie. Ja – Laufen ist auch inspirierend.

 

Udo Lindenberg

  • 1962 verlässt er Gronau und wird Musiker
  • 1973 Durchbruch mit „Andrea Doria“
  • 2008 markiert die LP „Stark wie zwei“ sein Comeback
  • 2014 gibt er zum ersten Mal Konzerte in Stadien vor insgesamt 180.000 Zuschauern
  • Dazwischen hat er 68 Alben veröffentlicht, zahllose Preise verliehen bekommen, ein Musical komponiert, Bilder gemalt, auf Kreuzfahrtschiffen Konzerte gegeben, etc.
  • Udo Lindenberg malt (Likörelle), schreibt, singt und textet
  • www.udo-lindenberg.de, www.udo-lindenberg-stiftung.de, https://www.facebook.com/UdoLindenberg
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