„Igitt, Asphalt“ – Auf der Suche nach der Essenz des Trail-Running

„Igitt, Asphalt“ – Auf der Suche nach der Essenz des Trail-Running

Kühe schauen diesen Trail-Läufern im Kleinwalsertal hinterher. Foto: Dagmar Wienke

Erschienen in Condition 04/2013

Trail-Running kann man als den Shooting-Star 2012 bezeichnen. Kein Sportartikel-Hersteller, kein Magazin kam und kommt mehr drum herum. Dabei ist nur die Bezeichnung neu für etwas, was Läufer – abgesehen von unseren jagenden Vorfahren –, schon seit Jahrzehnten machen. So wie Jochen Kruse. Auf der Suche, nach der Essenz des Trail-Runnings sind wir auf den 47-Jährigen Läufer gestoßen. 

„Igitt, Asphalt“, die mit einer Spur Ekel angereicherten Worte, die Jochen Kruse ausstößt, outen ihn. Der erfahrene Läufer bestätigt das Klischee, woran man solche, wie ihn erkennt. Der kleine Laufrucksack ist (fast) immer dabei. Heutzutage nennt man Kruse Trail-Runner. Der zugezogene Düsseldorfer zuckt die Schulter über diese Bezeichnung. Er zieht – ein klein wenig trotzig – die verständlichere Variante in Deutsch vor: Ultra-Landschaftslaufen.

Er läuft durch die Landschaft, meinetwegen auch durch das Gelände, meidet asphaltierte Straßen, und ist konsequent in seiner Haltung zum Laufen in der Natur. Beides gehört für ihn zusammen. Die Kommerzialisierung des Laufens lehnt er ab. Bart und Birkenstocksandalen trägt er trotzdem nicht.

Definitionen, was Trail-Running ist, scheitern

Mit Definitionen, was Trail-Running ist, tut sich die Branche schwer. Versuche werden immer wieder unternommen. Aber irgendwie gelingt es nicht so ganz, Bergläufe von Trail-Running abzugrenzen und Landschaftsläufe als solche zu bezeichnen und nicht als Trails. Trails als Variante des Laufens zu charakterisieren, bei der man praktisch „überall“ läuft, vorzugsweise fernab frequentierter Pfade, unterstreicht nur, dass Trail-Running nicht in Begrifflichkeiten eingesperrt werden will. Was wiederum Trail-Running charakterisiert, denn es hat auch mit einem Freiheitsgefühl zu tun, was Läufer suchen. Vielleicht gelingt eine Definition, was Trail-Running ist, nur über den Menschen und seine Haltung zum Laufen in der Natur. Bilder von Trail-Läufen zeigen meistens wilde Landschaften in den Bergen. Irgendwo entdeckt man dann einen drahtigen Läufer mit kleinem Laufrucksack, der sich der Einsamkeit und Wildheit der Natur, fernab der Zivilisation, stellt. Mit Trail-Running wird auch gleichzeitig ein Naturgefühl verkauft.

Trail-Running als Gemeinschaftsgefühl

Deshalb irritiert Jochen Kruse mit seiner Antwort auf die Frage, was für ihn das Trail-Running ausmacht. „Es ist vor allem das Gemeinschaftsgefühl.“ Das Bild des durch einsame Landschaften laufenden Naturburschen, zerbröselt in Sekunden. Eine imaginäre Horde schnabbelnder Läufer, die auf schmalen Pfaden langtrampelt, kann das romantisch verklärte Bild vom Trail-Running aber ebenso wenig ersetzten. Hinter dieser Aussage verbirgt sich was anderes. „Bevor ich mit Landschaftsläufen angefangen habe, bin ich drei Stadtmarathons gelaufen. Köln, Hamburg, Berlin. Das hat gereicht. Zu voll, viel zu viele Menschen, der Asphalt …“ Nach Spaß klingen seine Anfänge nicht. 

Es folgten Landschaftsläufe und bald der Rennsteiglauf als sein erster Ultralauf. Dort hat sich ein erfahrener Rennsteigläufer sich ihm angenommen und ihn über die 72,3 km gebracht. An der ersten Steigung wurde gegangen, nicht gelaufen. Die anderen Läufer, die die beiden überholten, haben sie zum Schluss wieder eingesammelt. Diese Läuferkameradschaft liefert den Hinweis für das Gemeinschaftsgefühl von dem Kruse spricht. Inwieweit sich dieses Gemeinschaftsgefühl mit dem deckt, was sich jetzt als Trendsportart entwickelt, ist die Frage. Das Bild der schnatternden Horden, oder müsste man gabbling hordes sagen? – Trendsetter flechten gerne Anglizismen ein –, taucht wieder auf. Über Facebook verabredet man sich zu einem Trail mit Guides. Man läuft downhill und nicht bergab, und ein Sponsor ist auch dabei. Die Veranstalter bezeichnen es immerhin als das, was es ist, als Marketingveranstaltung einer Sportzeitschrift. Dass Freundschaften teilweise dabei entstehen finden sie schön.

Jochen Kruse sieht diese Entwicklung, dass Läufer das Trail-Laufen für sich entdecken, weil das jetzt Trend ist und nicht weil das ein inneres Bedürfnis ist, kritisch. „Den Leuten ist gar nicht bewusst, was sie da machen. Kruse erzählt von einer Trail-Veranstaltung, da ist der Hauptsponsor ein Autohersteller …“. Nicht das Kruse kein Auto fährt, aber er macht sich Gedanken. Eine Show gibt es bei dieser Veranstaltung auch noch dazu und soviel Brimborium mit Spaßelementen passt für ihn nicht in die Natur. Wenn „Trendsetter“ die Natur erobern, da sträuben sich ihm die Haare.

Es kommt nicht drauf an, was man trägt, sondern wie lange

Wie der Trendsportler, trägt aber auch Kruse das entsprechende Material zum Trail-Laufen und läuft nicht mit Bio-Baumwollleibchen durch die Natur. Er geht damit aber anderes um. „Manchmal werde ich schon komisch angeguckt, wenn ich erzähle, dass ich in meine 7 Jahre alte Goretex-Jacke einen neuen Reißverschluss einnähen lasse, weil das Material der Jacke noch gut ist. Das verrottet auch nach hundert Jahren nicht, warum also die Jacke wegschmeißen und nicht reparieren.“ Fragt man Jochen nach seinem Equipment, so ist er ganz unaufgeregt. Funktionalität ist wichtig. Trailschuhe, kleiner Rucksack, GPS-Gerät, leichte Laufjacke, Wechselshirt, das braucht er, deshalb hat er diese Dinge. Aber auch nicht mehr. „Verfranst man sich bei einem Lauf, so hat man alles dabei und kann ganz gemütlich nach Hause kommen“, erklärt er, „wenn ich mal einen neuen Schlenker sehe, schlage ich den ein, nach dem Motto: Den Weg kenn ich nicht, will ich kennenlernen.“ Und bei sowas kann man sich eben auch mal verfransen.

Zu Veranstaltungen nur mit persönlicher Einladung

Jochen Kruse organisiert auch Laufveranstaltungen, als sogenannte Einladungsläufe. Wie der Name schon sagt, kann man sich nicht einfach anmelden, sondern muss vom Veranstalter eingeladen werden. Pappbecher gibt es bei Jochen Kruse an den Verpflegungsstellen nicht. Jeder muss seinen Trinkbecher selber mitbringen. „Ich habe da einen anderen Ansatz. Der Kommerz, das ist nicht meins.“ Zu Einladungsläufen wurde Kruse zum ersten Mal vor 10 Jahren selber eingeladen. Man lernt sich z.B. bei Laufveranstaltungen kennen, bleibt in Kontakt. Irgendjemand arbeitet eine Strecke aus, dass sind in der Regel Ultrastrecken, man schreibt dem Veranstalter an, das man mitlaufen möchte, teilt mit, das man die nötigen läuferischen Fähigkeiten hat oder wird direkt selber angesprochen, ob man nicht mitmachen möchte. Man kennt sich in der Szene.

Wen Jochen Kruse nicht kennt, muss sich schon ein wenig ausführlicher vorstellen. „Wer einfach nur schreibt: Ich möchte mitlaufen, der bekommt von mir auch eine schlichte Antwort: Nö“, erzählt Jochen. Auch Sympathie entscheidet mit, wer dabei sein darf. Bei diesen privat organisierten Läufen gibt es wie bei offiziellen Veranstaltungen Urkunden, Zeitnahmen, Verpflegungsstellen. So hat sich eine Art Lauf-Gemeinschaft innerhalb der Läufergemeinschaft gebildet. Eine erlesene Szene, bei der das Natur- und das Gemeinschaftserlebnis gleichermaßen im Vordergrund stehen. Kruse bezeichnet diese Szene als Ultra-Familie. Trail-Running ist faszinierend. Doppelseitige Bilder in Magazinen mit wunderschönen Landschaften in den Alpen, den Pyrenäen, Kanada, der Wüste locken, zurück zur Natur zu finden. Das ist das Schöne am Trail-Running. Man kann es überall machen. Auch im Ruhrgebiet und in Stadtnähe. Nur lassen sich imposante Bergpanoramen besser vermarkten.

Leider wird eine wenig der Eindruck vermittelt, dass man dann kein richtiger Trail-Runner ist, wenn man nicht das Matterhorn links neben sich liegen hat. Das ist für Kruse aber ein Widerspruch. Erst 2000 km mit dem Flugzeug irgendwo hinfliegen, um sich dann das Naturerlebnis zu holen. Weite Anfahrten zu seinen Läufen unternimmt er selten. Und hat trotzdem – oder gerade deswegen - Spaß. Der studierte Physiker betont aber auch, dass jeder unterschiedlich ist. Er weiß, dass andere nicht so denken wie er, verurteilt diese aber nicht und missioniert nicht. Höchstens schwingt ein wenig die Sorge mit, dass die Natur unter dem neu proklamierten Trend leidet. Trail-Running hat nicht nur was mit Laufen zu tun, sondern auch was mit Natur. Es schadet nicht, sich auch das mal bewusst zu machen.

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