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Sanaa Koubaa: &quot;Ich habe noch Potential, definitiv&quot;

Sanaa Koubaa: "Ich habe noch Potential, definitiv"

Sanaa Koubaa, 3000-m-Hindernisläuferin. Foto: Dagmar Wienke

Interview mit der 3000-m-Hindernisläuferin Sanaa Koubaa

Erschienen in Condition 11/2012

Sanaa Koubaa, 27, von der LG Hilden, bis dato für viele eine Unbekannte stand plötzlich im 3000 m Hindernis-Finale bei der EM in Helsinki. Zudem verpasste sie die Norm für Olympia 2012 denkbar knapp. Damit hat die Sozialpädagogin, neben Gesa Krause und Antje Möldner-Schmidt, den Anschluss an die internationale Spitze geschafft. Dass das vielleicht noch nicht alles war, erfuhren wir im Gespräch mit ihr nach der EM in Helsinki.

Condition:  Du bist nicht hauptberuflich Sportlerin, sondern Du arbeitest und Dein Training läuft nebenher?

Sanaa Koubaa: Ja, ich bin Sozialpädagogin an der Elbseegrundschule in Hilden tätig. Dort unterrichte ich auch Sport. Dort bin ich übrigens auch schon zur Schule gegangen und der Schulleiter dort, Wolfgang Kamps, ist mein Trainer. 

Condition:  Nachdem Du 2006 eine Leistungsknick hattest, konntest Du Dich wieder bis 2008 kontinuierlich steigern. Dann ging es bis 2010 bergab. Was war die Ursache dafür?

Sanaa Koubaa: Das war, als ich eine Dreifachbelastung hatte. Als ich merkte, dass mir die Arbeit mit Kindern sehr liegt, begann ich in Wuppertal Deutsch, Mathe und Sport auf Lehramt zu studieren. Da ich kein Bafög mehr bekam, musste ich nebenher arbeiten. Morgens unterrichtete ich die ersten beiden oder vier Stunden, dann bin ich zur Uni gehetzt, hatte Vorlesungen bis 18.00 Uhr und von da aus dann zum Training. Und das funktioniert nicht. Ich kam an meine Leistungsgrenze. Ich beriet mich dann mit meinen Trainern, Wolfgang Kamps und Tobias Kofferschläger. Da ich noch mal ordentlich laufen wollte, habe ich das Studium abgebrochen und arbeite jetzt ein paar Stunden an der Schule.

Condition:  War die EM in Helsinki mit 9:45 min oder die Olympianorm mit 9:39.00 für Dich da schon ein Thema?

Sanaa Koubaa: Nein, gar nicht. Die waren auch Anfang dieses Jahr gar kein Thema gewesen. Die EM-Norm rückte ins Blickfeld nach dem Lauf in Pliezhausen (2000 m Hindernis., 6:20.80 min. am 6.5.2012, Anm. d. Red.). Ich habe zwar schon letztes Jahr gemerkt, dass ich die 3000 m Hindernis unter 10 Minuten laufen kann, aber das konnte ich noch nicht zeigen. Im Frühjahr dann war ich mit dem DLV zwei Wochen in Portugal im Trainingslager. Ich habe dort sehr gute Fortschritte gemacht und der Bundestrainer Werner Klein traute mir die Norm von 9:45 min zu.“

Condition:  Stieg damit auch der Druck für Dich?

Sanaa Koubaa: Ich habe natürlich gehofft, dass ich die EM-Norm schaffe, und da ich nichts zu verlieren hatte, dachte ich mir: „Lauf einfach mal.“ Dann kam das Rennen in Rehlingen. Mit 9:50.48 min verfehlte ich die Norm. ich hätte die Norm dort schon laufen können, aber ich bin dort zweimal gestürzt. Danach kam dann der Druck. Vor dem Rennen in Huleva/Spanien dachte ich: „Ich flieg jetzt extra für die Norm nach Spanien. Hoffentlich packst Du das und fällst nicht wieder …“ Aber das muss man dann ausblenden.

Condition: In Huelva bist Du dann 9:43.71 min gelaufen und hattest damit die Norm für die EM in Helsinki geschafft. Beim EM-Vorlauf bist Du am letzten Hindernis wieder gestürzt (unverschuldet) und hast deswegen wiederum eine Norm, diesmal die Olympianorm des DLV verpasst. Wie gehst Du damit um?

Sanaa Koubaa: In Rehlingen war ich sehr gefrustet. Ich hatte mich um 11 Sekunden verbessert und konnte mich nicht darüber freuen. Und bei der EM in Helsinki ist die Läuferin, die mich zu Fall gebracht hat, eine 9:39 gelaufen. Das hätte ich auch sein können, dachte ich hinterher. Aber ich bin froh, dass ich überhaupt bei der EM dabei sein konnte. Wenn die Olympianorm noch dazu gekommen wäre, wäre das super gewesen. Im Endlauf habe ich es zwar noch mal versucht. Ich war so gepusht und euphorisch und habe mir Mut zu geredet, aber dann haben doch am Ende die Kräfte versagt. Zudem tat mein Oberschenkel nach dem Sturz noch weh. 

Condition:  Fehlt es Dir da noch an internationaler Erfahrung?

Sanaa Koubaa: Ja, auch was die Belastung angeht. Vorbelastung im Training hin oder her, mit Wettkampfbelastung ist das nicht gleich zu setzen. Ich habe gar nicht daran gedacht, dass ich in den Endlauf kommen könnte und auf einmal war ich in dieser Situation. Da waren die anderen wohl ein bisschen besser vorbereitet.

Condition: Wie lief das Rennen für Dich?

Sanaa Koubaa: Der Endlauf in Helsinki war eine Katastrophe, so chaotisch. Das habe ich so noch nie erlebt. Weil das Rennen so langsam ist, kann jede mithalten. Man läuft also dicht gedrängt in der Gruppe. Und das macht müde, weil man nicht den richtigen Schritt findet. Man kann gar nicht frei laufen, das Nachziehbein nicht richtig ausfahren, am Wassergraben gibt es Positionskämpfe und das Rennen ist ein Drücken und Schieben.

Condition:   … und wie war der Vorlauf für Dich?

Sanaa Koubaa: Dort hatte ich richtig schön Platz zum Laufen. Zuerst wollte ich mich an Position Vier einsortieren, weil die ersten Vier ja weiterkommen, dann war mir das aber zu schnell und ich habe mich weiter hinten positioniert. Ich bin dann wieder gut ran gekommen und dachte noch am letzten Hindernis, die Gruppe vor Dir kriegst Du noch. Und dann … der Sturz. Aber da konnte ich nichts machen.

Condition:  Man sah es sehr gut in der Zeitlupe, wie die Lettin Polina Elizarova gequert ist und Dich behindert hat.

Sanaa Koubaa: Das ging so schnell, ich wusste gar nicht was passiert ist, bis man mir die Aufzeichnung gezeigt hat.

Condition:  Hat sich die Läuferin hinterher bei Dir entschuldigt?

Sanaa Koubaa: Nein, aber sie hat das bestimmt nicht mit Absicht gemacht. Ich würde aber nicht solche Manöver ziehen. Man achtet normalerweise schon ein wenig auf die anderen, wenn man über das Hindernis läuft. 

Condition:  Wie geht es jetzt für Dich weiter nach der EM?  Hast Du schon mit Deinem Trainer gesprochen? Ist Olympia 2016 für Dich ein Thema?

Sanaa Koubaa: So weit denke ich noch nicht. Klar wird das irgendwann ein Thema, aber wenn ich an die denke, die sich 4 Jahre auf Olympia vorbereitet haben und die nicht mitfahren konnten. Das ist schon bitter. Deswegen plan ich Schritt für Schritt. Nächstes Jahr ist die WM in Moskau. Wenn das klappen würde, wäre das ein Highlight. Ich denke, ich habe noch Potential, definitiv. Wenn ich so sehe, was die anderen an Trainingslagern schon hinter sich haben und was ich bisher gemacht habe …

Condition:  Also, ist Dein Leistungspotential noch nicht ausgeschöpft?

Sanaa Koubaa: Trainingsmäßig bin ich noch nicht ausgereizt. Letztes Jahr habe ich vom Training her einiges verändert. Ich habe angefangen zweimal am Tag zu trainieren, was ich vorher regelmäßig noch nicht gemacht habe. Ich laufe jetzt auch längere Strecken im Wettkampf. Vor den 5000 m habe ich mich immer gedrückt. 2011 bin ich meinen ersten 5000er auf der Bahn gelaufen. Jetzt weiß ich, dass es mir was bringt. Und zwischendurch dann auch mal ein 1500 m-Wettkampf für die Schnelligkeit. Dieses Jahr habe ich sogar Gesa Krause über diese Strecke geschlagen, obwohl ich nicht explizit dafür etwas getan habe.

Condition:  Wie kam das, dass Du anfingst Dein Training umzustellen, professioneller zu werden?

Sanaa Koubaa: Das hat sich eher zufällig so ergeben. Steffen Uliczka und seine Freundin Svenja Killius, eine 1500-m-Läuferin, und mit der ich schon lange gut befreundet bin, fahren auch immer nach Texel ins Trainingslager und da habe ich mich einfach drangehängt. Ihre Übungen für Hürdentechnik und Kraftmotorik habe ich mitgemacht, und diese seitdem regelmäßig in mein Training eingebaut. Steffen hat mir dann auch Trainingspläne geschickt und davon habe ich immer mehr übernommen. Ähnlich habe ich zwar vorher auch schon trainiert, aber das sind dann Feinheiten, die den Unterschied dann doch noch ausmachen.

Condition:  Führst Du akribisch Trainingstagebuch mit Herzfrequenz, etc.? 

Sanaa Koubaa: Nur wenn ich ruhig laufen soll, laufe ich mit Herzfrequenzmesser. Um mich zu zügeln. Manchmal habe eine GPS-Uhr dabei, um das Tempo zu kontrollieren und manchmal laufe ich aber auch ohne Uhr. Dann steht im Trainingstagebuch Dauerlauf/locker bzw. ruhig, nach Gefühl. Ich will auch Spaß beim Laufen haben und nicht nur auf die Zeit gucken. 

Condition:  Was ist, wenn der Bundestrainer zu Dir sagt: WM ist für Dich absolut realistisch, dafür komm aber mit in ein Höhentrainingslager.

Sanaa Koubaa: Das ist schon passiert. Der Bundestrainer Werner Klein hat mich schon gefragt, ob ich nicht Lust hätte an einer Höhenkette mit zu machen. bzw. er hat Wolfgang Kamps als meinen Schulleiter gefragt, wie das denn mit einer Beurlaubung aussehen würde. 

Condition:  Bist Du im Kader?

Sanaa Koubaa: Nein, ich hoffe dass ich dieses Jahr rein komme. Vorher war ich noch nie im Kader.

Condition:   … auch nicht B oder C-Kader?

Sanaa Koubaa: Irgendwie hat es nie gereicht. Immer fehlten so ein bis zwei Sekunden, um in den Kader zu kommen. Auch schon damals, als ich noch in der Jugendklasse war. Da war die Kader-Norm 6:50, ich hatte 6:52 min. Das hat mich, ehrlich gesagt, immer etwas geärgert. Letztendlich hängt das auch vom Bundestrainer ab, ob der einen vorschlägt.

Condition:  War Wolfgang Kamps schon immer Dein Trainer, von Anfang an? 

Sanaa Koubaa: Während der Grundschulzeit bin ich zur LG Hilden gekommen und seitdem bin ich in diesem Verein. Damals war Wolfgang Kamps auch schon dort. Dadurch dass meine Eltern früh verstorben sind – meine Mutter als ich acht, mein Vater als ich 16 Jahre war –, ist er auch so was wie ein Vater für mich. Er und seine Familie waren immer für mich da, auch über den Sport hinaus. Ich fühle mich bei ihnen sehr familiär aufgenommen und bin ihm sehr verbunden.

Condition:  Seit Deinem achtem Lebensjahr bist Du kontinuierlich dabei und, obwohl Du immer knapp die Kadernormen verpasst hast, hast Du nicht aufgegeben. 

Sanaa Koubaa: Ich bin immer gerne gelaufen. Ich habe mich jedes Jahr wenigsten auf einer Strecke verbessert. Sei es über 1500 m, 3000 m oder 5000 m. Ich hatte also immer ein Erfolgserlebnis. Bei mir habe ich das Gefühl, das staut sich ein paar Jahre was an und dann kommt der Durchbruch. Und jetzt bin ich da, wo ich immer sein wollte. Das freut mich auch für meinen Trainer, weil der schon so lange dabei ist. Das kann vielleicht auch anderen Mut machen: Nicht aufgeben, sondern weitermachen! 

(Das Gespräch führte Dagmar Wienke.)

 

Sanaa Koubaa

  • geboren am 6.1.1985 in Langenfeld 
  • Größe 1,68 m, Gewicht 57,5 kg
  • Verein: LG Hilden (seit 1993)
  • Trainer: Wolfgang Kamps
  • Beruf: Sozialpädagogin (Schwerpunkt Abenteuer- und Erlebnispädagogik)
  • Disziplin: 3000 m Hindernis

Persönliche Bestzeiten

Disziplin

Ergebnis

Ort

Datum

800m

2:13.47

Darmstadt

16.05.2009

800m in der Halle

2:14.13

Leverkusen

16.01.2010

1500m

4:18.46

Koblenz

23.05.2012

1500m in der Halle

4:27.00

Leverkusen

05.02.2012

Meile in der Halle

5:13.48

Albuquerque (USA)

28.01.2006

3000m

9:48.21

Friedberg

30.05.2010

3000m in der Halle

9:30.87

Leverkusen

14.01.2012

5000m

16:40.42

Koblenz

25.05.2011

2000m Hindernis

6:20.80

Pliezhausen

06.05.2012

3000m Hindernis

9:43.08

Helsinki (FIN)

28.06.2012

5 km Straße

16:41

Korschenbroich

22.04.2012

10 km Straße

36:51

Leverkusen

01.03.2009

 

Entwicklung: 3000 m Hindernis

Jahr

Ergebnis

Ort

Datum

2004

11:12.40

Heilbronn

01.08.2004

2005

10:44.57

Bochum

03.07.2005

2006

11:18.49

Lincoln (USA)

15.04.2006

2007

10:47.94

Hannover

25.08.2007

2008

10:08.38

Regensburg

08.06.2008

2009

10:12.85

Regensburg

07.06.2009

2010

10:22.23

Regensburg

05.06.2010

2011

10:01.89

Metz (FRA)

27.06.2011

2012

9:43.08

Helsinki (FIN)

28.06.2012

Erfolge:

  • DM-Zweite 2012, Vierte 2008 
  • Hallen-DM-Vierte 2012 (3.000 m) und -Fünfte (1.500 m),
  • Finalteilnahme EM 2012 (14. Platz)  
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