Colin Bell: Wir sind auf einem guten Weg

Frauenfußball: SC 07 Bad Neuenahr

Erschienen im Frauen-Fußball-Magazin/Meyer & Meyer Verlag 2/2012 

Der SC 07 Bad Neuenahr schien es sich nach sieben Spieltagen am Tabellenende gemütlich gemacht zu haben. Dabei haben die Pfälzerinnen beim Auswärts-Spiel beim Tabellenführer Potsdam gezeigt, dass sie dort eigentlich nicht hingehören.

Sie verhinderten durch gutes Mittelfeldspiel das gefürchtete Pressing der Potsdamerinnen. Gleichzeitig sorgten sie auch für Gefahr vor dem Potsdamer Strafraum. Auch die gute Defensiv-Arbeit ließen die Brandenburgerinnen nicht zum Zuge kommen. Den Frankfurterinnen machten sie durch offensives Druckspiel das Leben schwer, lieferten ein gutes Spiel ab; Wolfsburg konnte lediglich ein Punkt gegen sie holen, gegen Essen zu Hause (Endstand 2:3) kämpfte man sich nach 1:2 Rückstand wieder ran und auch Freiburg gelang kein Sieg gegen die, laut Punktestand, bis dahin schwächste Mannschaft in der 1. Liga. Zwar schien Bad Neuenahr sich vor großen Namen nicht beeindrucken zu lassen, doch gesiegt hatten sie trotzdem nicht.

Ausfall mit negativen Folgen

Ein Grund mag sein, dass Bad Neuenahr schon am Anfang mit Qualitätsverlusten zu kämpfen hatte. Der Abgang von Lena Goeßling, die schwere Verletzung von Nicole Rolser (Kreuzbandriss Anfang Juni) und nicht zuletzt fiel das Aushängeschild Celia Okoyino da Mbabi (Angriff) schon bald nach Saisonstart wegen einer Verletzung des Syndesmosebands für vier Wochen aus. Zu allem Übel ist nun auch Bianca Rech bis zur Winterpause nicht dabei. Sie erwischte es beim Spiel gegen Bayer München (9.10.11, Miniskusverletzung).

„Celias Ausfall hat natürlich negative Auswirkungen gehabt, weil sie nicht nur als Spielerin unser Aushängeschild ist, sondern sie hat auch einen unbändigen Willen und super Einstellung und das fehlt natürlich auch. Nicht nur auf dem Spielfeld Sonntags sondern auch in der Woche im Training, sie ist enorm wichtig.“, so Colin Bell über seine beste Spielerin. Aber das alleine ist nicht die Ursache für die magere Ausbeute von 2 Punkten nach sieben Spielen.

Qualitätsverluste schon am Anfang der Saison

Kurios war es da fast schon, dass die Bad Neuenahrerinnen aber auch bei vermeintlich leichten Gegnerinnen keine Punkte nach Hause bringen konnten. Am sechsten Spieltag beim Heimspiel gegen München platzte dann Colin Bell, der Anfang der Saison neu verpflichtet wurde, endgültig der Kragen und machte bei der anschließenden Pressekonferenz seinem Ärger Luft.

„Dieser Denkfehler, das ist ein leichter Gegner, da können wir ein bisschen weniger machen, das ist das Hauptproblem. Es gibt aber keine leichten Gegner. Die sind fast alle gleich auf. Wir müssen einfach diesen Schlendrian aus dieser Mannschaft rauskriegen. Das ist nicht eine Sache die erst seit Juli vorhanden ist, sondern das ist schon so tief verankert, dass das richtig schwer ist, das rauszubekommen“, so Colin Bell Mitte Oktober im Gespräch mit FFM.

Bad Neuenahr steht zu Bell

Bell kritisierte aber auch den Verein „Es ist zu vieles hier eingeschlafen. Das ist so, das war immer so, das wird immer so bleiben. Ich habe deshalb auch versucht gewisse Punkt anzusprechen.“ Der Verein stand und steht trotz dieser Kritik aber voll hinter seinem neu verpflichteten Trainer. „Ich hatte am Tag nach der Pressekonferenz ein gutes Gespräch mit dem Präsidenten Bernd Stemmeler und er ist auch einer der versucht, die Dinge umzusetzten. Er war in den letzten zwei Jahren auch ein bisschen ein Alleinkämpfer“, so Bell angesprochen auf die besagte Pressekonferenz.

Bell hatte den Mut Dinge anzusprechen und der Verein und die Mannschaft hörte sich diese Kritik auch an. Das spricht für den Verein, denn es kann genauso gut auch passieren, dass unliebsame Kritiker lieber entfernt werden, damit alles beim Alten bleibt.

„Vieles ist unter den Teppich gekehrt worden und ich habe quasi den Teppich hochgehoben, da wird natürlich viel Staub aufgewirbelt und in dieser Phase sind wir gerade“, analysiert Bell die Situation im Verein.

Appell an die Verantwortung

Bell appellierte aber auch an die Verantwortung, die eine Mannschaft gegenüber seinen Verein hat. „Wir hatten die letzten Wochen auch große Probleme, was die Finanzen anbelangten, die Gott sei Dank jetzt aber geregelt sind. Das schwebte wie ein Damoklesschwert über den Verein. Ich habe den Mädels klar gemacht, dass Bundesliga-Fußball nicht selbstverständlich ist. Sponsoren investieren nicht in Immobilien, sondern in eine Mannschaft und wenn eine Mannschaft Letzte ist, dann ist das natürlich umso schwieriger. Das haben die Mädels auch verstanden und auch umgesetzt. Da hat eine Entwicklung stattgefunden. Die Mädels setzten sich nun mehr damit auseinander.“

Bell übt aber nicht nur Kritik, sondern nimmt auch Sachen an. Nach Gesprächen mit der Mannschaft zog er für sich selber daraus Schlüsse. „Für mich war dann die Überlegung, was brauchen die Mädels noch. Und das war die Erkenntnis: Du musst ruhiger bleiben. Du musst mehr Ruhe ausstrahlen.“

Den Schalter umgelegt

Ihm gelang es tatsächlich den Schalter bei den Spielerinnen umzulegen. Das „Kragenplatzen“ scheint also seine heilsamen Spuren hinterlassen zu haben. Kampfbetont, laufstark und mit einem absoluten Siegeswillen sieht man nun eine geschlossene Mannschaft auf dem Spielfeld. Am siebten Spieltag siegte Tabellenführer Potsdam nur mit einem mageren 1:0 gegen Bad Neuenahr, am 8. Spieltag (6.11.) wurde mit 2:0 Duisburg in einem hervorragendem Spiel besiegt. Es folgte ein Auswärtssieg gegen Leipzig (2:0), dann der Einzug ins Viertelfinale des DFB-Pokals nach einem Sieg gegen TSG Hoffenheim (3:1) und der Hamburger HSV wurde zu Hause 1:0 geschlagen. Und plötzlich steht Bad Neuenahr nach 10 Spieltagen auf dem siebten Tabellen-Rang. Dass Mannschaftsführerin Célia Okoyino da Mbabi sich in Hamburg wieder verletzt hat (Muskelfaserriss) ist zwar sehr bedauerlich, beunruhigt den Trainer nun aber gar nicht mehr so sehr, wie am Anfang der Saison.

„Wir sind noch nicht über den Berg, sondern auf einem gutem Weg.“, äußerte sich Bell verhalten, gerät aber gerade auch beim Spiel gegen Duisburg ins Schwärmen. „Duisburg hat bis auf die Anfangsphase keine Chance gehabt. Da hat die Mannschaft einfach gezeigt, dass vieles möglich ist.“

„Auf Dauer was aufbauen“

Bell musste sich aber erstmal an diese neue Aufgabe, eine Frauenmannschaft zu trainieren, gewöhnen. „Man ist neu darin, man muss sich herantasten.“ Aber schon im nächsten Satz merkt man seine Leidenschaft, mit der er seine Aufgabe als Trainer wahrnimmt, „… und für mich war es dann ganz entscheidend zu merken, ich will dabei bleiben.“  Dieser Funke, der beim ihm gezündet hat, den scheint er jetzt an die Mannschaft weiter zugeben.

Colin Bell zu verpflichten war für Bad Neuenahr eine gute Entscheidung, denn er will was bewegen, hat den Ehrgeiz und die richtige Einstellung – nämlich Leidenschaft und Freude – zu seinem Job. „Ich möchte solange es geht in Bad Neuenahr bleiben und würde auch gerne die nächsten Jahre als Trainer in der Frauenbundesliga arbeiten.“

Die Mannschaft würde das wohl begrüßen. In einem Interview mit Kölnsport äußerte sich Célia Okoyino da Mbabi, die in ihrer achtjährigen Vereinszugehörigkeit schon sechs oder sieben Trainer erlebt hat: „Es wäre schön, wenn man mit einem wirklichen Grundgerüst, zu dem ein Trainerteam und natürlich auch Spielerinnen gehören, langfristig zusammenarbeitet. So kann man auf Dauer etwas aufbauen.“

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