Herbstgold: KEIN Film über verrückte Alte

Herbstgold: KEIN Film über verrückte Alte

Bei der Filmpremiere am 1. Juli im Essener Lichtburg-Kino waren auch vier der fünf Filmhelden anwesend. Von links Gabre Gabric, der Regisseur Jan Tenhaven, Herbert Liedtke, der eine Mundharmonika-Einlage gab, Jiří Soukop und Ilse Pleuger. Bei der Filmvorführung gab es Zwischenapplaus für die erstaunlichen Leistungen dieser Sportler. Foto: Dagmar Wienke

Filmkritik: "Herbstgold" von Jan Tenhaven

erschienen in Spiridon 8/2010

 „Herbstgold“, Regie: Jan Tenhaven, Kinostart: 08.07.2010, Dokumentarfilm, Deutschland 2010, 90 Minuten, Format 35 mm, Dolby Digital SR-D, Deutsch, Italienisch, Tschechisch, Schwedisch, Finnisch mit deutschen Untertiteln, FSK ab 0 Jahr, Verleih: Neue Visionen, Nähere Infos und Spielorte unter www.herbstgold-derfilm.de

Mit „Herbstgold“ kommt diesen Sommer ein Dokumentarfilm in die Kinos, der – entgegen des wunderschön poetischen Titels –, bestens in diese Jahreszeit passt. Es ist ein lebensbejahender, frischer Film, voller Charme, Humor und Leichtigkeit.

Als 2006 Jan Tenhaven auf der Suche nach einem neuem Thema für eine Film war, hörte er zufällig davon , dass es eine Senioren-Leichtathletik-WM gibt. Diese – für ihn kuriose Veranstaltung – weckte seine Neugier und Interesse und zwar so stark, das er sich im selben Jahr auf den Weg nach Riccione/ITA machte, um selbst vor Ort dieser „Freakshow“, die er erwartete, beizuwohnen. Doch was er dort erlebte, war alles andere als „verrückte Alte“. Die positive Energie, die Spannung, der Humor, aber auch die Ernsthaftigkeit der Seniorensportler beeindruckte ihn so sehr, dass er den Plan fasste und umsetzte, das Erlebte filmisch festzuhalten.

Jan Tenhaven porträtiert mit viel Herz fünf Menschen aus fünf Ländern – hier schimmert der olympische Gedanke durch –, die eines verbindet, nämlich der Leistungssport. Alle fünf nehmen an der Senioren-Leichtathletik Weltmeisterschaft 2009 teil, die im finnischen Lahti stattfand. Dabei begleitet die Kamera die Sportler während ihrer Vorbereitung und Wettkämpfe. Das besondere an diesem Film. Die Protagonisten sind zwischen 80 und 100 Jahre.

Da wären Herbert Liedtke, (93, 100-m-Läufer, aus Stockholm/SWE, Olympiateilnehmer 1936), Jiri Soukup (82, Hochspringer aus Tschechien), Ilse Pleuger (85, Kugelstoßerin aus Kiel/GER), Alfred Probst (100, Diskuswerfer aus Wien/AUT) und Gabre Gabric (93, Diskuswerferin aus Italien, Olympiateilnehmerin 1936.)

Doch eigentlich ging es Jan Tenhaven nicht um Sport, auch wenn dieses Hobby eine wichtige Rolle in dem Leben dieser Menschen bedeutet. Hier fungiert der Sport als Mittel, um eine positive Lebenshaltung, das Umgehen mit dem Älterwerden und  Lebensfreude festzuhalten.

Dabei geht Tenhaven sehr sensibel vor, angefangen von der Auswahl der fünf Sportler, die jeder für sich eine besondere Persönlichkeit haben, bis zur eigentlichen filmischen Umsetzung, bei der die Kamera den Menschen ganz nahe kommt ohne sie bloßzustellen.

Hier wird weniger dem Alter getrotzt, auch wenn der Regisseur diese Worte benutzt, sondern hier wird vielmehr mit dem Älterwerden umgegangen. Der Film zeigt, wie man nicht nur mit der viel besungenen Würde, sondern auch mit viel Spaß, älter werden kann.

Sätze wie die von Herbert Liedtke: „Ich möchte mir meine Jugend erhalten:“ erheitern auf wohltuende Art und Weise. Mögen diese Worte paradox klingen aus dem Mund eine 93-Jährigen, gleichzeitig sind sie auch irgendwie wahr. Denn da leuchten Ilses Augen wie die einer 20-Jährigen, da erliegt man der Charmeoffensive der wunderhübschen, immer perfekt aussehenden Italienerin Gabre, die uns das Alter nicht verrät, weil es keine Bedeutung in ihrem Leben spielt. Und wenn in einem Film wie „Wolke 9“ von Andreas Dresen 98 min lang das Thema „Sex und Liebe im Alter“ behandelt wird, so reichen hier die wenigen Sätze des 100-Jährigen Alfred über das Thema und die kurzen Plaudereien von Herbert bei einem Dauerlauf, um klarzustellen, dass das selbstverständlich ist und auch nicht mehr Worte bedarf.

Und spätestens wenn man in Lahti den fünf Helden zuschaut, wie sie mit Ehrgeiz und Siegeswillen dabei sind, wie sie aber auch mit Niederlagen und der anwesenden Konkurrenz umgehen, spätestens dann freut man sich fast schon aufs Älterwerden, denn dann kommt im günstigen Fall – wie hier –, Gelassenheit an Stelle von Verbissenheit und Humor um Niederlagen abzufedern. „Nächstes Jahr bin ich besser“, kommentiert Herbert Liedtke seinen 100-m-Lauf, nachdem er „nur“ Vizeweltmeister geworden ist und wendet sich anerkennend an den 90-jährigen italienischen Weltmeister, „von Dir kann ich noch lernen“,  Das in die Kamera gesprochene „Scheißdreck“ ist aber nicht weniger ehrlich.

Was für Tenhaven zwar nur „Mittel zum Zweck“ ist – der Sport –, liefert ihm auch die Dramaturgie und Spannung für den Film und ist für uns Sportler ein Glücksfall.  Denn man staunt. Man staunt über die Leistungen, die hier gezeigt werden und anerkennend in Szene gesetzt werden. Wie den Menschen so wird auch den erbrachten Leistungen großen Respekt entgegen gebracht. Hier finden die Seniorensportler endlich die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ihnen gebührt. Und in Jiri Soukops Satz finden wir uns dann auch wieder: „Aber ohne den Sport, da wäre mein Leben zu einfach und eintönig.“ Ein Film, den man – wie man so schön sagt – auf keinen Fall verpassen sollte.

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