Triathlet Max Longreé: Spiel mir das Lied von Max

Triathlet Max Longreé: Spiel mir das Lied von Max

Max Longrée vor einer Trainingseinheit. Foto: Dagmar Wienke

Porträt über den Triathleten Max Longreé

Erschienen in Spiridon 2/2009

Ich traf Max Longree bei seiner Arbeit – er ist seit zwei Jahren Profi – auf Fuerteventura im Grand Resort Las Playitas. Während ich dort Urlaub machte verlagerte er für vier Wochen im Winter seine Trainingsstätte in die wärmeren Gefilde.

Gleich an meinem Ankunftstag äußerte ich meinen Wunsch mit einem Interview im Gepäck wieder heimzukehren und stellte mir das alles recht einfach vor, weilte man doch zwei Wochen lang an demselben Ort. Doch so einfach war es dann doch nicht. Aus zweierlei Gründen. Zum einem ist Max Longree ein Arbeitstier mit einem Sieben bis Acht-Stunden-Tag. Er steht morgens früh auf, macht keine Mittagspause und ist abends dementsprechend abgearbeitet. Grobsprachlich „schuftet“ er; aber das mit Disziplin und Gewissenhaftigkeit.

Ein jeder Chef würde seine Freude an so einem Malocher haben. Er ist aber sein eigener Chef, noch dazu ein strenger Chef. Kurzum es war schwer überhaupt einen Termin für unser Gespräch zu finden. Irgendwann hat es dann doch geklappt, so zwischen Schwimmen und Abendessen.

Abgekämpft saß er da. Aber versprochen ist versprochen. Er hält was er verspricht. So ist er halt..

Das Zweite, was nicht so einfach war: Ein klassisches Frage-Antwort-Spiel haut bei Max Longree nicht hin. Zu steif und starr wäre dieses Gesprächskorsett. Vollkommen unpassend für jemanden, der immer wieder mal den Status seiner Unabhängigkeit betont. Ein Zustand, der ihm wohl sehr wichtig ist.

„Ich will nach meinem Arbeitstag auch mal von etwas anderem reden, wie jeder andere auch, irgendwann langweilt es ja auch nur von seiner Arbeit zu reden.“

So fing unser Gespräch also an, Fragen bezüglich Training und Technik waren sofort verworfen:. Ich stellte dann doch eine.

„Wie schaffst Du eigentlich den Übergang vom Radfahren zum Laufen im Wettkampf so mühelos, schließlich kannst Du mit sehr guten Marathonzeiten im Triathlon aufwarten?“(Er hatte die drittbeste Zeit auf Hawaii 2008)

„Durch Koppeltraining. Ich hatte, nachdem ich die Laufsplits des Ironman Hawaii analysiert habe, den schnellsten Split im letzten Drittel, der jemals gelaufen wurde. ich will wohl am schnellsten nach Hause.“

So einfach ist das.

Ein wenig doof kam ich mir schon vor. Jeder Triathlet trainiert das schließlich. Ist ja logisch. Fragen nach speziellen Trainingsmethoden haben sich somit erledigt. Bestätigt aber meine Änderung der Gesprächsführung. Nämlich keine zu haben. Man kann sich dem Sportler Longree auch nähern in dem man sich dem Menschen Max nähert. Ist aber auch nicht so einfach. Denn Schubladendenken, schlimmer noch, in eine gesteckt zu werden, ist ihm verhasst. So versuche ich mir ein Bild von dem Menschen Max Longree zu machen. Dass er nach hinten raus noch zulegen kann erkläre ich mir mit seiner Kraft. Viel Kraft hat er. Und die hat er im Griff, hat sich im Griff. Beim Training ist er gebändigt, trainiert fleißig, ist diszinipliert, ernährt sich gesund. Beim Wettkampf aber, dann lässt er sich los und auch danach.

„Dann bin ich wie eine Schwangere, erst einen Hamburger, dann habe ich plötzlich Lust auf ein Eis, das wird dann hineingeschaufelt, dann ‘ne Pizza.“

In Louisville hat ein Begleitmotoradfahrer ihm noch vor der Ziellinie eine Burger hingehalten. Den verspeiste er sogar noch vor und auf der Ziellinie.

Wobei man sich jetzt nicht vorstellen sollte, dass ein Hulk Longree durch die Gegend stapft. Durch den Sport scheint er seine unbändige Energie zu kanalisieren.

Das Kräftemessen ist auch eher sein Ding. Taktieren, dass passt nicht zu ihm, mag er auch nicht. Und was ihm an Technik fehlt macht er mit Kraft wett.

Intellektuelle Weicheier haben gegen ihn mit seiner direkten Art sowieso hoffnungslos verloren. Er schätzt den direkten ehrlichen Kampf. Auch lehnt er Hilfsmittel wie Kompressionsstrümpfe ab.

Da fügen sich seine kernigen Weisheiten ganz recht ins Bild..

„Man muss am schnellsten sein, wenn die Sonne am höchsten steht.“

Als er etwas ähnliches mal an anderer Stelle von sich ließ, schwebte mir schon die Überschrift zu diesem Artikel vor: „Spiel mir das Lied vom Max“, weil ich nämlich dachte er zitierte einen Western. Hat er aber nicht. Es war ein Original-Longree-Wortlaut, als ich ihn drauf ansprach.

Als er von Louisville ein wenig erzählte, da blitzt sie doch dann durch, die Leidenschaft, die man braucht, um Profisportler zu sein.

Sowieso erinnert mich seine Art ein wenig an einen Künstler, der schaffen muss, der von irgendetwas getrieben wird, der nicht anders kann. Bruchstückhaft bastle ich mir ein Bild von dem Menschen Max Longree zu machen. Es entsteht eher ein kubistisches Bildnis, wie von Picasso Es ist einfach und doch facettenreich, mit Ecken und Kanten.

Dabei macht er nicht viel Gedöns um sich.

„Ich verstehe gar nicht, was die plötzlich alle von mir wollen“?

Ich frage ihn, wie das jetzt für ihn sei nach dem Sieg in Louisville/Kentucky im September, dass er mehr in den Fokus gerückt ist?

„Ich muss niemanden eine Rechenschaft ablegen, niemand kann Druck auf mich ausüben. Kein Sponsor oder sonst jemand.“

Ein klein wenig trotzig und abwehrend klingt das. Aber dieser Drang nach Unabhängigkeit kommt immer wieder durch und ein wenig beneide ich ihn darum.

Wobei er es sich auch nicht einfach macht. Auch wenn er es so nicht sagt. Seine Ansprüche an sich selber sind hoch und für den Druck sorgt er schon alleine.

Angesprochen auf seine Pläne für 2009 antwortet er, dass er sich noch nicht festgelegt hat, vielleicht Malaysia, China, Titelverteidigung in Louisville reizt ihn auch. Überall dort wo es heiß ist, denn er liebt die Hitze –Fuerteventura mit 20 °C war ihm auch entschieden zu kalt. Dass er sich nicht gerne festlegt. Passt auch zu dem, was er an Amerika so schätzt.

„Die Unverbindlichkeit..“

Convenience heißt das Zauberwort. Schnell fügt er noch hinzu, dass er aber ganz und gar nicht unverbindlich ist. Ist er auch nicht.

Ich denke mir zu seinem Amerika-Faible noch, dass die Amerikaner nicht so tief stochern, wie die vekopften Deutschen, die alles ganz genau wissen wollen., die bohren und nachhaken. Ich glaube, das mag er nicht.

Lässig und cool wirkt er nach außen hin. Da überrascht ein wenig ein Satz:

„Ich mache mir jetzt schon wieder einen Kopf (nachdem unser Gespräch doch ein wenig länger gedauert hat), dass ich später als sonst zum Abendessen komme und somit auch später ins Bett.“ Ein scheinbarer Widerspruch.

Und noch ein scheinbarer Widerspruch tut sich auf, als ich ihn auf seine Zukunft anspreche. Er, der noch nicht mal richtige Trainingspläne hat, intuitiv trainiert, aus seiner 13-jährigen Triathlonerfahrung schöpft, wage Vorstellung von seinem Wettkampfjahr 2009 hat, antwortet:

„Ich mache mir schon viele Gedanken um meine Zukunft.“

Amerika spielt da wohl auch eine Rolle.

Überhaupt scheint er nur voller Widersprüche zu sein. Denn es ist auch irgendwie kein Widerspruch, wenn Max Longree einerseits sich nicht darum kümmert, was die anderen über ihn denken – er macht halt sein Ding – andereseits mir noch erzählt, dass er $500 seiner Siegerprämie in Louisville an die Flutopfer spendete. Und das sollte man auch erwähnen. Denn das ist auch Max Longree. Wie auch seine warme und herzliche Umarmung zum Abschied, der, der doch oberflächlich betrachtet lässig und unnahbar erscheint. Aber eigentlich ist er, wie er ist. Punkt. Und macht sein Ding.

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