SC Freiburg: „Dort hinkommen, wo Duisburg jetzt ist“

Interview mit Milorad Pilipovic / SC Freiburg

Erschienen in Frauenfußball-Magazin/Meyer&Meyer Verlag, Ausgabe 12/2011-1/2012

Der SC Freiburg steht nach dem siebten Spieltag, Dank des 1:5 Erfolges in Leverkusen mit 10 Punkten auf einem soliden sechsten Tabellenplatz. Ein Unentschieden, drei Siege, aber auch drei Niederlagen, wobei die Heimniederlage mit 0:6 gegen Duisburg mehr als deutlich war, so die derzeitige Zwischenbilanz der Hinrunde. Zwar wird der SC Freiburg manchmal als potentieller Absteiger klassifiziert, doch der Aufsteiger glänzt auch durch offensives Spiel und guten Kombinationen, die den Gegner in die Knie zwingen kann. Mit dem Trainer vom SC Freiburg sprach Dagmar Wienke.

FFM: Erstmal herzlichen Glückwunsch zum Auswärtssieg gegen Bayer Leverkusen. 5:1 hört sich gut an.

Milorad Pilipovic: Danke, Danke!

FFM: Laut Spielbericht, war das war ein hervorragendes Spiel ihrer Mannschaft?

Milorad Pilipovic: Ich habe dieses Spiel als Key-Game bezeichnet. Bei einer Niederlage wären wir abgerutscht in Regionen, wo man sich eher über Klassenerhalt Gedanken machen muss. Mit diesem Sieg haben wir uns im Mittelfeld festgesetzt. Die nächsten Gegner haben es in sich mit Frankfurt, Wolfsburg daheim und Auswärts Essen.

FFM: Könne Sie sich jetzt schon sicher fühlen obwohl jetzt noch diese drei schweren Spiele anstehen?

Milorad Pilipovic: In den vergangenen Jahren brauchte man fast 15-16 Punkte für den Klassenerhalt. Dieses Jahr wird man schon so um die 20 Punkte brauchen. Ich vermute, dass Bad Neuenahr und Leverkusen ihre Punkte machen werden. Wenn wir im Schnitt pro Spiel ein Punkt holen, sollte das reichen. Aber jetzt nach sieben Spieltagen mit 10 Punkten kann man sich wirklich nicht beschweren.

FFM: Die derbe Niederlage gegen Duisburg (Freiburg verlor 0:6, Anm.) scheint ja nun aus den Köpfen raus zu sein.

Milorad Pilipovic: Wir haben in diesem Spiel was anderes versucht im taktischen Bereich, was fehlgelaufen ist. Ich habe auch die ein oder andere Spielerin eingesetzt, die leicht überfordert war. Das war eine Testphase. Spiele gegen Duisburg, Frankfurt, Potsdam, sind nicht unbedingt Spiele, wo man punkten kann. Wenn ein Pünktchen, rausspringt sind wir zufrieden. Gegen Frankfurt sind wir ein totaler Außenseiter. Aber vielleicht gelingt uns mal die Überraschung.

FFM: Wie wollen sie an Frankfurt rangehen? Sie sagten nach dem Spiel gegen Duisburg, wir müssen unsere Lehren daraus ziehen. Haben Sie ihre Lehren daraus gezogen?

Milorad Pilipovic: Die taktische Marschroute Richtung Frankfurt habe ich noch nicht ausgearbeitet. Ich mache mir schon Gedanken, ob wir sehr aggressiv auftreten.

FFM: … dass offensive Spiel ist auch eher ihre Gangart …

Milorad Pilipovic: Ja genau. Das ist unsere Ausrichtung. Offensiver Fußball und den Gegner schon in der gegnerischen Hälfte beschäftigen und unter Druck zu setzten, dadurch auch schnellere Balleroberungen zu haben und die kurzen Wege zum gegnerischen Tor. Das hat uns auch im Spiel gegen Bayer Leverkusen sehr geholfen.

FFM: Kann ihre Defensive noch verbessert werden? Sie haben zwei Neuzugänge bekommen, um die Defensive zu stabilisieren. Einmal die Schweizerin Caroline Abbé und dann noch Lydia Miraoui. Bringen die beiden Spielerinnen das, was sie sich erhofft haben?

Milorad Pilipovic: Ich bin mit denen sehr zufrieden. Caroline Abbé bringt uns Stabilität in der Verteidigung. Das hat uns gefehlt. Jetzt hat auch nach langer Verletzungspause Stefanie Wendlinger wieder in der Verteidigung gespielt. Da habe ich auch einen Wechsel vorgenommen im Spiel gegen Leverkusen. Dann ist Lydia Miraoui eine junge talentierte Spielerin, die mich in sechster Position sehr überzeugt hat. Wir stehen nicht unbedingt defensiv und lassen uns zurückfallen. Bei uns beginnt die defensive Arbeit schon in der gegnerischen Hälfte. Wir ziehen die Verteidigungslinie in unsere Stürmerreihe und machen es dem Gegner schwer bis zu unserer Viererkette zu kommen. Das hat bisher gut funktioniert. Daher gibt es auch keinen Grund diese Spielweise zu ändern.

FFM: … trotz des Duisburgspiels?

Milorad Pilipovic: Beim Duisburgspiel habe ich mal eine zusätzliche Verteidigerin eingesetzt. Also nominell waren wir mit mehr Verteidigern angetreten. Wir haben versucht mal defensiver zu stehen. Es hat nicht geholfen. Deswegen. Wir sind in diesem Spiel abgerückt von unserer taktischen Ausrichtung und das hat uns keine Vorzüge gebracht. Anstatt die Duisburgerinnen auch mal zu beschäftigen, haben wir die schalten und walten lassen, so dass wir nur hinterher gehinkt sind. Und das hat in der Kiste dann geklingelt.

FFM: Die Niederlage musste auch erst verdaut werden? Das Spiel in Leipzig war dann von Unsicherheit in der Spielweise geprägt.

Milorad Pilipovic: In Leipzig wollten wir unbedingt gewinnen. Leipzig ist auch ein Aufsteiger. Ich schätze uns aber schon stärker ein. In diesem Spiel haben wir uns dumm angestellt. Ich habe die Mannschaftsaufstellung dann etwas verändert. Noch mal einen Mittelfeldspielerin rausgenommen, in der zweiten Halbzeit eine Stürmerin reingebracht und das hat uns sicher dann geholfen. Da war vielleicht Unsicherheit in diesem Spiel. Aber gegen Duisburg werden nicht nur wir, sondern auch andere verlieren. Von daher. Schnellsten vergessen, abhaken. Und das haben wir auch gemacht.

FFM: Wo sehen Sie noch die Schwächen bei der Mannschaft? An welchen Punkten müssen Sie noch arbeiten?

Milorad Pilipovic: Wir müssen die Spielsituationen besser erkennen, wenn uns ein Gegner mal beschäftigt und überlegen ist. In dieser Situation mal auf Konterspiel setzten. Da kommen wir sehr langsam raus. Dann fehlt uns auch in bestimmten Positionen Geschwindigkeit und blitzschnelles Umschalten nach der Balleroberung in der Offensive. Da sehe ich noch Nachholbedarf.

FFM: Im ersten Saisonspiel und jetzt das Spiel gegen Leverkusen wurden ihre guten Kombinationen gelobt. Das können sie also schon.

Milorad Pilipovic: Das ist auch meine Ausrichtung im Fußball. Ich war selbst Bundesligaspieler, ich war Nr. 10, Spielmacher, technisch gut. Ich liebe Attraktivität. Unsere Trainingsinhalte sind auch in dieser Richtung orientiert. One-Touch-Fußball, sehr direkte Passstaffetten und dass der Ball sehr gut zirkuliert. So arbeiten wir auch im Training. Die Mädels versuchen das richtig gut im Spiel umzusetzten. Auch die trockenen Formen trainieren wir. Das10 gegen 0-Spiel zwischen Innenverteidiger und zwei Sechser. Auch Kombinations-Fußball und positionspezifisches Spiel. Wir haben auch eingeführt, dass Mittwochs immer zwei Spielerinnen eine Analyse des kommenden Gegners machen und uns präsentieren. Jedes Mal sind zwei neue Spielerinnen dran. Die Mannschaft macht sich somit auch Gedanken über den Gegner. Das tut uns gut.

FFM: 2010, 2011 hatten sie ein paar Neuzugänge. Die Mannschaft hat aber gut zusammengefunden?

Milorad Pilipovic: Ja. Die zwei hatten wir ja schon genannt. Caroline Abbé und Lydia Miraoui, dann Chioma Igwe aus den USA. Die brauch noch ein wenig sich zu integrieren. Hasret Kayikci von Duisburg ist auch sehr, sehr talentiert. Sie ist sehr spielstark. Mit den Neuzugängen bin ich sehr zufrieden. Von daher denke ich: Es passt. Es passt.

FFM: Wenn ich die Kommentare zu den Spielberichten lese, macht es den Eindruck, als wenn sie ein Trainer sind, der zufrieden mit seiner Mannschaft ist.

Milorad Pilipovic: (lacht). Ich bin nicht immer zufrieden.

FFM: Das wird dann nicht erwähnt, oder?

Milorad Pilipovic: (lacht). Die Mannschaft kennt mich auch von der anderen Seite.

FFM: Explodieren sie auch schon mal?

Milorad Pilipovic: Und wie. Und wie. Ich bin schon in der Lage… ich bin sehr emotional. Und von diesen Emotionen lebt und profitiert meine Mannschaft. Ich bin auch 90 Minuten unterwegs. Ich sitze nicht auf der Bank. Ich zittere, ich leide mit der Mannschaft. Ich trainiere die Mannschaft auch mit Leidenschaft. Ich bin nicht einer, der auf der Bank und einschläft, sondern ich bin auf 200 vor dem Spiel und einige Zeit nach dem Spiel.

FFM: Und wenn die erste Halbzeit nicht ok war, dann wird dann auch in der Kabine der Marsch geblasen …

Milorad Pilipovic: Aber sicher, aber sicher. (Ergänzt schnell) Aber nicht immer, nicht immer.

FFM: Aber es zeigt ja auch dann seine Wirkung. Beim Spiel gegen Leipzig kam die Mannschaft wie ausgewechselt aus der Halbzeit und hat dann wesentlich offensiver gespielt.

Milorad Pilipovic: Wir haben 0:0 in der ersten Halbzeit gehabt und katastrophal gespielt. Und die Leipziger waren uns überlegen und aus unseren Fehlern sind auch einige Chancen entstanden für die Leipziger. In der Halbzeit-Pause war ich etwas laut. Aber mein gebrochenes Deutsch, auch wenn ich leiser spreche, klingt schon sehr, sehr hart. Deswegen, wenn ich etwas lauter werde, klingt das umso lauter. Die Mädels wissen wie ich bin. Das ist sehr wichtig. Die wissen auch, dass ich Spaß mag und Spaß mache. Nur, ich verlange auch, eine gewisse Spannung vor dem Spiel zu haben und sich vollkommen auf den Gegner zu konzentrieren.

FFM: Wie sieht das mit dem eigenen Nachwuchs aus?

Milorad Pilipovic: Wir haben außer B- und C-Jugend, und der zweiten Mannschaft, für diese Saison auch eine U13-Mannschaft eingeführt. Nachwuchsarbeit sollte unsere Quelle sein. Wir haben auch viele jüngere Spielerinnen. Melanie Leupolz, Margarita Gidion aus unserer Nachwuchsabteilung. Der SC Freiburg ist ein Ausbildungsverein und das wollen wir auch weiterhin vorleben.

FFM: Stichwort Melanie Leupolz. Sie glänzte gerade im ersten Spiel …

Milorad Pilipovic: Genau, genau.

FFM: … wie macht sie sich jetzt?

Milorad Pilipovic: Sie ist nach wie vor eine sehr wertvolle Spielerin für uns, die drei Tore gemacht hat. Die ist 17. Sie kam mit 16 letztes Jahr zu uns als wir in der 2. Liga waren. Die 2. Liga hat ihr sehr gut getan. Sie hat sich gut weiterentwickelt. Sie ist jetzt robuster geworden. Sie ist eine Spielerin, wo ich jetzt schon sagen kann, das ist unsere nächste Nationalspielerin. Sie hat Potential. Ich habe mit Silvia Neid schon gesprochen. und ihr sie schon mal empfohlen. Perspektivisch gesehen ist sie schon auf dem richtigen Weg.

FFM: Was sind ihre Ziele mit der Mannschaft?

Milorad Pilipovic: Ich träume natürlich davon eine Mannschaft vom SC Freiburg zu haben, die nicht von Anfang an als Abstiegskandidat bezeichnet wird, sondern wenn man über Frauenfußball spricht, dass man den SC Freiburg auch mit den notwendigen Respekt begegnet und sagt, da wird guter Fußball gespielt. Und dass wir in Zukunft auch mal dieses Trio da oben sprengen können. Ich bin sehr, sehr ehrgeizig und das versuche ich auf die Mannschaft zu übertragen. Die Mannschaft ist willig diese Linie zu gehen. Da sind wir auf gleicher Wellenlänge. Mein Bestreben ist beim SC Freiburg weiterhin Abteilung und Frauenfußball zu entwickeln und ausbauen, dass wir irgendwann mal dort sind, wo Duisburg jetzt ist.

FFM: Vielen Dank für das Gespräch.

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