Straßenbahnmenschen

Straßenbahnmenschen

Straßenbahn-Menschen XI

Straßenbahn-Menschen XI

Anfang November. Vorne an der Tür in der Straßenbahn sitzt ein bulliger junger Mann. Er ist groß und breit. Bekleidet ist er mit einem schwarzen Kapuzenpulli, um den Hals trägt er eine dicke Goldkette. Der Kopf ist mit einem Basecap bedeckt. Aus seinem Kopfhörer klingt vernehmbar Hiphop. Auf dem Platz neben ihm sitzt sein Hund. Ein putziger Rehpinscher. Plötzlich wirkt die massive Gestalt niedlich.

Klingelton

In der Straßenbahn klingelt ein Mobiltelefon. Der Ton – flotte Marschmusik – spielt lange genug, um eine Kompanie in Bewegung  zu setzen. Endlich geht der Besitzer ans Telefon und antwortet mit einer knarzigen Stimme, die wie ein rostiger Panzer klingt.

Grau

Müde sehen die Menschen in der Straßenbahn aus. Der graue Himmel spiegelt sich in ihren Gesichtern. Ab und zu blitzt ein Stückchen Blau hervor. Ihre leeren Augen verwirren mich. War gestern schon Feiertag?

Straßenbahntiere- und menschen VII

Straßenbahntiere- und menschen VII

Zum ersten Mal habe ich einen kleinen Hund in der Straßenbahn skizziert. Es war meine bisher entspannteste Zeichnung, weil ich den Hund, einen West Highland White Terrier – anders als bei Menschen, wenn ich die heimlich zeichne –, unverblümt anschauen konnte. Deshalb sind die meisten Menschen auch bisher von hinten im Notizheft zu sehen. 

Straßenbahnmenschen VI

Menschen in der Straßenbahn

Seit einiger Zeit haben ich das Zeichnen wieder entdeckt. Die verstaubte Kiste mit Stiften und Notizheften ist wieder hervorgeholt. Inspiriert wurde ich durch die seit 10 Jahren wachsenen Internet-Gemeinde der Urbansketchers. Wo sie stehen und gehen wird statt fotografiert skizziert. Menschen, Architektur, Essen, also alles was Socialmedia-Nutzer mit der Kamera auch festhalten (außer Selfies). Ein guter Ort, um sich die Zeit zu vertreiben sind die öffentlichen Verkehrsmittel. Statt der geschwungenen Linien, nun also mal Krikelkrakel auf dem Papier. 

Straßenbahnmenschen V

Neben mir in der Straßenbahn setzt sich eine junge Frau aufrecht hin. Sie hat ordentlich gekämmte Haare und eine Brille. Die Beine sind akkurat geschlossen. Die junge Frau packt eine orangfarbene Plastikdose aus ihrer Tasche aus und holt eine trockene Knäckebrotscheibe heraus. Dann knurpst sie das Knäckebrot mit gesenktem Blick so peinlich berührt wie eine Kirchgängerin, die sich ihre Oblate beim Abendmahl gerade abgeholt hat.

Das Megaphon

Ein Mann sitzt mir in der Straßenbahn gegenüber. Er hat eine laute Stimme, wie ein Megaphon auf Stufe 10 gestellt.

Straßenbahn-Menschen IV

Ein junger Mann, ordentlich gekleidet mit einem braunen Hut auf dem Kopf, dunkler Hose, Jacke und Schal, den Kopf verbunden, fast frische Wunden im Gesicht und einer Penny-Einkaufstasche in der Hand, die das harmonische Bild mehr stört als die Wunden im Gesicht, steigt in die Straßenbahn. Er geht zum Fahrkartenentwerter und sagt dabei in einem monotonen Ton: "1953 standen die Zeiger der Uhr kurz vor Zwölf, heute stehen sie zwei Minuten vor Zwölf."

Er setzt sich und führt seinen Monolog fort. Er wird etwas leiser, unterbricht und lauscht – fast höflich –, der Ansage des Straßenbahnfahrers. Der junge Mann schließt dann die Augen und murmelt seinen Text weiter. Jahreszahlen blitzen auf. Zwei Haltestellen weiter ist er bei 1969 und dem Kindererziehungsgesetz angelangt. Er schaut wieder in die Luft, als hätte er seinen Text vergessen. "Informationskontrolle" ist der nächste Wortfetzen, der durchdringt. Irgendwann versickert sein Wortfluss. Bald darauf steigt er aus.

Es ist nicht klar, ob er irre ist oder ein besessener Schauspielschüler. Die sind mitunter auch manchmal komisch.

Straßenbahn-Menschen III

Hinter mir in der Straßenbahn sitzt ein Mann. Er macht ab und zu Schmatzgeräusche, als ob er Speisereste, die zwischen seinen Zähnen hängengeblieben sind, raussaugen will. Das ist so aufdringlich privat, wie Nasepopeln in der Öffentlichkeit. Zum Glück steigt er mit Hitler in dick aus. 

Straßenbahn-Menschen II

In der Straßenbahn sitzt ein Mann in einem dunklen, langen Mantel zusammengesunken auf der Sitzbank. Seine schwarzen, dünnen Haare sind fettig, akkurat gescheitelt und streng gekämmt. Ein kurzer Schnauzer klemmt zwischen Oberlippe und Nase. Er sieht aus wie Hitler, aber in dick und gescheitert.

Straßenbahn-Menschen I

Zugfahrt

Eine ältere Dame, die neben mir in der Straßenbahn saß, erzählte, dass sie einmal auf einer Bahnfahrt verpasst hätte, an ihrem Zielbahnhof auszusteigen, weil das Buch so spannend war. Sie musste 300 Kilometer wieder zurückfahren. Ich habe vergessen, zu fragen, wie der Titel des Buches hieß.