Verstörend

Verstörend

Upcycling ist eine tolle Sache. Hilfe für Geflüchtete auch. Die Kombination beider kann mitunter eine verstörende Wirkung haben. Zumindest auf mich. 

Im Museumsshop des Düsseldorfer Ehrenhofs wurde ein Rucksack angeboten. Das Material: Flüchtlingsschlauchboote. Die Taschen sollen dazu anregen, sich mit dem Thema Migration und Integration auseinanderzusetzen. Die Art und Weise sei innovativ, lobt sich das Non-Profit-Unternehmen in seiner Werbebotschaft. "Das Gute im Schlechten sehen", heißt es weiter. Genäht werden die Upcycling-Produkte von Geflüchteten.

Ich bin sehr angeregt und denke viel nach. Wieviel Menschen sind auf diesem Boot gestorben, frage ich mich. Ist einer der Näher auch mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer geflüchtet?

Die Arbeiter werden "angemessen" bezahlt, heißt es. Wieviel das wohl sein mag? 170 Euro kostet der Rucksack. Wie kommt das Material nach Berlin? Weiß der Verein, welche Geschichte sich hinter jedem einzelnen Schlauchboot verbirgt? 

Das Wort "nachhaltig" darf im Werbetext nicht fehlen. "Wir legen Wert auf bewussten Umgang mit Ressourcen", sagt der Verein. Welche Ressourcen sind damit gemeint? Die Schlauchboote oder die Geflüchteten? Was ist, wenn weniger Menschen über die Mittelmeerroute flüchten? Geht dem Verein dann das Material aus? Wohl nicht, bin ich mir sicher. Elend gibt es genug auf der Welt.

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Auch nach vielem Nachdenken gelingt es mir nicht, das Gute zu sehen. Was ich sehe sind hippe Taschen, getragen von hippen Menschen, die auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens lässig posieren. So jedenfalls bewirbt der Verein das Produkt auf seiner Webseite. Hippe Menschen werden die Produkte dann kaufen, in hippen Bars und Kneipen rumhängen und bei einem Cocktail oder Smoothie und eine Bowl essend, eher nicht über das Leid von Geflüchteten nachdenken.

Mit seinem Produkt hat der Berliner Verein Preise gewonnen. Unter anderem von den Kultur- und Kreativpiloten Deutschland. "Mit ihrem holistischen Ansatz verbinden sie so gekonnt nachhaltiges Wirtschaften, Migration, gesellschaftliches Zusammenleben und Lifestyle", steht in der Begründung. Meine Verstörung bleibt trotz Awards und Preisen. Lifestyle und Flüchtlingsschlauchboote vermag ich nicht zu verbinden.  

Ein paar Wochen später war der Rucksack aus dem Shop verschwunden. "Wir haben lange Zeit den Rucksack angeboten", sagt die Shop-Verkäuferin, "er hat sich nicht so gut verkauft". Auf der Webseite des Vereins werden die Upcycling-Produkte aus Flüchtlingsschlauchbooten noch angeboten. (Stand 7.11.2019).

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