Notizen

Notizen

Aufgeschnappt

„Komm, Blondi!“

Mann zu seinem Hund in einem Baumarkt.

 

Dystopie

„Die Menschheit hat viel Leid produziert.“

„Und wird auch weiterhin viel Leid verursachen.“

Gesprächsfetzen zwischen zwei Männern auf der Benrather Straße in Düsseldorf.

Immer das gleiche …

Vor vier Jahren in Dresden. Gute Inszenierung von Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ gehört und gesehen. Die Menschen strömen in alle Richtungen nach der Vorstellung auseinander. Unweit der Semper Oper postieren sich eine Frau und ein Mann in den Arkadenbögen, stellen ein Körbchen vor sich hin, drücken auf den Play-Knopf des Musikabspielgerätes und stimmen einen engelhaften Gesang des Ave Marias von Franz Schubert an. 

Wir gehen weiter, während die Töne noch sanft unser Ohr umschmeicheln. Hinter mir schlurft ein Tramp mit verfilzten Rastahaaren und zersauseltem Bart. Er murmelt durch seinen Mundschlitz: „Ich kann es nicht mehr hören. Jeden Abend das gleiche Lied, jeden Abend die gleiche Scheiße.“

Meisenknödel

Meisenknödel ist ein schönes Wort. Drall, rund und weich, aber auch spitzmündig. Es gleicht dem Charakter von Marianne Sägebrecht in dem Film „Out of Rosenheim“.

Timetunnel

Ich habe ein Kleid an, das ist ungefähr 26 Jahre alt und eine Jeansjacke, die knapp 20 Jahre in meinem Besitz ist. Als ich die Treppe vom U-Bahnhof Schadowplatz hochkomme, empfängt mich das Panflötenspiel zweier Straßenmusiker. Zufall?

*Hinweis für die junge Generation: Panflötenspieler dudelten vor ein paar Jahrzehnten in den Einkaufsstraßen deutscher Großstädte und Gheorghe Zamfir verkaufte seinen Platten millionenfach.

Gezeter

Eine Familie – Vater, Mutter, große Tochter, kleine Tochter – stehen vor dem Steigenberger Parkhotel in Düsseldorf, zetern und schimpfen sich an. Plötzlich herrscht Ruhe und das Gezänk verstummt. Der Vater hat sich durchgesetzt und macht ein Selfie mit der ganzen Familie. Die große Tochter, die am lautesten keifte, beherrschte das Posen am besten.

Das Klavier am U-Bahnhof

Im U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee steht ein Klavier. Passanten können darauf spielen. Meistens ertönt traurige Musik in Moll.

Klingelton

In der Straßenbahn klingelt ein Mobiltelefon. Der Ton – flotte Marschmusik – spielt lange genug, um eine Kompanie in Bewegung  zu setzen. Endlich geht der Besitzer ans Telefon und antwortet mit einer knarzigen Stimme, die wie ein rostiger Panzer klingt.

Bemerkenswert

In Benrath bleibt eine ältere Frau stehen, geht zu einem hochgewachsenen Busch und riecht an den Blüten. Das ist eine Notiz wert.

Sehnsucht

„Le mal du pays“ – Die grundlose Traurigkeit, die eine ländliche Idylle im Herzen der Menschen weckt.

Aktmodell

Beim Rundgang der Bachelor- und Masterklassen für Grafik und Design in der Düsseldorfer FH kam ich mit einer Frau ins Gespräch. Ihre Tochter zeigte hier ihre Abschlussarbeit. Die Frau hatte selber vor etlichen Jahren Grafik-Design in München studiert und erzählte, dass sie dort einen Aktzeichenkurs besucht hatte. Modell stand die Frau, die auf dem alten 50-Pfenning-Stück kniet und einen Baum pflanzt. "Sie war schon 70 Jahre damals und ihre faltige Haut hing an den Armen runter. Ein wunderbares Modell zum Zeichnen."

Kindheitserinnerung

Als ich ein Kind war, fuhren wir öfters in den Herbstferien in die DDR nach Mecklenburg zum Schulfreund meines Vaters. Wir besuchten einmal einen Zirkus dort. Ein Clown schenkte mir während der Vorstellung einen grünen Luftballon. Ich verwahrte ihn auf wie einen kostbaren Schatz, bis nur noch eine kleine, verschrumpelte Hülle übrig blieb.

Frage

Kann man Geruch malen?

Grau

Müde sehen die Menschen in der Straßenbahn aus. Der graue Himmel spiegelt sich in ihren Gesichtern. Ab und zu blitzt ein Stückchen Blau hervor. Ihre leeren Augen verwirren mich. War gestern schon Feiertag?